„Manche Menschen brauchen Bühne“ oder auch „Projekt Podest“



Eine Wohnung in Hamburg angeboten zu bekommen, die deine Grundansprüche erfüllt, ist ungefähr so wie um 12:30 an Silvester noch Raclettekäse aufzutreiben, nach einem 3,5 stündigen Stau eine Raststättentoilette aufzusuchen oder in der Festivalsaison Gummistiefel in deiner Größe zu finden: Du beschwerst dich nicht über Dinge die nicht passen, du machst das Beste draus. Du nimmst halt den 0,2% Fett Analogkäse, hauptsache er schmilzt ein bisschen. Du legst dir halt Klopapier über die Brille, stellst dich drauf und pinkelst im hohen Bogen ins Waschbecken, besser als am Standstreifen die Hosen fallen zu lassen. Du trägst halt Gummistiefel mit Einhörnern und Glitzer drauf, selbst wenn du der Geschäftsführer bist und mit deiner Firma einen Ausflug an die Nordsee machst, gibt bestimmt viele Likes auf Instagram.



Genauso haben wir es gemacht. Bevor das hier falsch rüberkommt: wir hatten nun wirklich enorm viel Glück, unsere Wohnung ist ein Traum: Perfekt geschnitten für zwei Menschen, Altbau, Parkett, zwei Balkone. Da beschwerst du dich nicht mehr über Dinge, die nicht so gut passen, du machst das Beste draus: Ein 1,5qm Bad hat zum Beispiel den Vorteil, dass man von der Tür aus mit dem Schlauch in alle Ecken kommt. So schnell putzt kein anderer sein Bad. Und wenn man morgens über das Klo steigen muss, um in die Dusche zu kommen, dann hat man direkt schon Sport gemacht. Und wenn man betrunken auf der Toilette sitzt, kann man seinen Kopf an die Badezimmertür lehnen. Eigentlich hat das nur Vorteile.



Podest_Selbstgebaut.jpg

Allerdings schmerzte das Fehlen eines Kellers, Dachbodens oder zumindest einer Abstellkammer zunehmend. Die fehlende Möglichkeit jemandem aufs Dach zu steigen oder zum Lachen in den Keller zu gehen, ist auf Dauer kein haltbarer Zustand. Dazu kommt die Liebe von Max zum Minimalismus und meine Tendenz zum messihaften Sammeln aller Dinge, die man vielleicht irgendwann im Leben nochmal gebrauchen kann. Aber wir haben das Beste draus gemacht: Wir haben ein Podest gebaut.

Ich habe mich gegen eine genaue Anleitung entschieden, da die Maße nicht allgemeingültig sind. Ich werde aber genauer darauf eingehen, wie wir vorgegangen sind. Vielleicht hilft das denjenigen, die ein Größeres Projekt dieser Art planen.



Vorher

Vorher

1) Hard Facts

Das gesamte Podest hat eine Fläche von ca. 10qm auf einer Höhe von ca. 55cm Es ist durch eine zweistufige, eingelassene Treppe betretbar und die darunter verstauten Gegenstände können entweder durch die abnehmbare Verkleidung von vorne oder durch eine Falltür erreicht werden. Auch gibt es im hinteren Bereich neben der Heizung jeweils links und rechts lose Elemente, die herausgehoben werden können.

Insgesamt haben wir Kanthölzer 8×8 cm verbaut und 8x6cm insgesamt ca. 50m und 11qm Kiefernparkett. Dazu noch ein 250er-Pack 60er und 200 120er Schrauben und 0.5L Hartwachsöl.


Unter die Füße haben wir selbstklebenden Isolierfilz, insgesamt 6m geklebt, damit unser Boden durch befürchtete Bewegung (die es erstaunlicherweise gar nicht gibt) nicht leidet.

Als Verkleidung haben wir 0,6cm starke Pressspanplatten verbaut, die von insgesamt 5 eingelassenen Magneten und im unteren Bereich durch umfunktionierte Regalschienen gehalten werden.

Das gesamte Podest hat um die 500,- Euro gekostet und wurde von uns in ca. 14 kompletten Tagen über drei Monate verteilt (alles in allem, inklusive Materialbesorgung) gebaut.

Als Werkzeug reichte uns eine Handsäge, eine Stichsäge, ein Hammer, ein Stecheisen plus passenden Schreinerklüpfel und ein Akkuschrauber.


Schritt 1: Besorgen

Schritt 1: Besorgen


Schritt 1: Planen

Schritt 1: Planen

Schritt 1
Planen und besorgen.

Wir haben zunächst eine Zeichnung angefertigt, um den Materialverbrauch errechnen zu können und nicht zu viel oder zu wenig zu kaufen. Für die Materialbesorgung haben wir einen kleinen Sprinter gemietet, in dem unser Holz reichlich mickrig aussah. Fanden wir beim Hochtragen dann nicht mehr.

 


Schritt 2: Verbindungen sägen und Filz kleben

Schritt 2: Verbindungen sägen und Filz kleben


Schritt 2: Einzelteile vorbereiten

Schritt 2: Einzelteile vorbereiten

Schritt 2
Vorbereitung Unterkonstruktion

Als Vorbereitung der Einzelteile haben wir viel Zeit damit verbracht, Stücke aus den Enden herauszusägen, damit wir später die Ecken mittels einer geraden Ecküberblattung verbinden können (sagt man das so?). Dort wo später die Zwischenstreben reinmontiert wurden, haben wir Teile in der Breite der Zwischenstreben mit dem Stecheisen herausgearbeitet ebenfalls für eine gerade Überblattung.

 


Schritt 3.1: Unterkonstruktion Rahmen

Schritt 3.1: Unterkonstruktion Rahmen


Schritt 3.1: Unterkonstruktion Rahmen

Schritt 3.1: Unterkonstruktion Rahmen

Schritt 3.1
Unterkonstruktion Rahmen

Für die Unterkonstruktion haben wir zunächst die Beine an den Einzelteilen des unteren Rahmens mit langen Schrauben festgeschraubt. Dann die Einzelteile zu einem Rechteck. Und schließlich den Oberen Rahmen (zwei Rechtecke) draufmontiert. Die Lücke für die Treppe haben wir zunächst freigelassen. Alles wurde mit Schrauben fixiert, und dann stand schon Mal der äußere Rahmen der Unterkonstruktion.


Schritt 3.2: Unterkonstruktion Stützen

Schritt 3.2: Unterkonstruktion Stützen


Schritt 3.2: Unterkonstruktion Stützen

Schritt 3.2: Unterkonstruktion Stützen

Schritt 3.2
Unterkonstruktion Stützen

Unter die Latten wurden die stützenden Beine dranmontiert und dann wurden diese in die Konstruktion eingelassen. Wir haben zwischendurch gemerkt, dass die Unterkonstruktion bereits so stabil ist, dass nicht so viele stützende Beine sein müssen, wie wir angedacht hatten.


Schritt 3.3: Rahmen oben

Schritt 3.3: Rahmen oben


Schritt 3.3: Rahmen oben

Schritt 3.3: Rahmen oben

Schritt 3.3
Rahmen oben

Dann wurde der obere Rahmen auf die Streben montiert. Durch die herausgesägten Enden überlappen sich die Teile, genau wie der untere Rahmen. Das trägt maßgeblich zur Stabilität bei. Die Teile wurden mit langen Schrauben befestigt.


Schritt 4: Parkett

Schritt 4: Parkett


Schritt 4: Parkett

Schritt 4: Parkett

Schritt 4
Parkett

Wir haben das Parkett so zugeschnitten, dass möglichst wenig Verschnitt über war, deswegen (und weil es mit der Länge des Parketts so am besten gepasst hat) ist es leider nicht versetzt. Wir haben im Podest die Lücke für die Falltür zunächst freigelassen, die Klappe haben wir extern gebaut. Das Parkett wurde mit Nut und Spund verbunden und an der Unterkonstruktion festgeschraubt.

Wir haben es zweimal mit Hartwachsöl behandelt und anschließend poliert.


Schritt 4: Parkett Ölen

Schritt 4: Parkett Ölen


Schritt 5: Falltürkreuz

Schritt 5: Falltürkreuz

Schritt 5
Falltür

Die Klappe haben wir ebenfalls aus dem Parkett gebaut und von unten mit zwei Holzkreuzen gesichert. Sie ist zwar recht schwer und gefühlt nicht so stabil wie sie sein könnte, aber sie ist auch nicht dafür gedacht permanent geöffnet und geschlossen zu werden. Dafür fällt sie kaum auf. Die Klappe wurde mit zwei Scharnieren von unten an der Konstruktion befestigt.


Schritt 5: Falltür

Schritt 5: Falltür


Schritt 6: Treppe

Schritt 6: Treppe

Schritt 6
Treppe

Die Treppe wurde nachträglich eingesetzt, die Unterkonstruktion der Treppe besteht aus einer Balken-Latten-Konstruktion, die mit geraden Überblattungen und Schrauben verbunden wurden. Die Latten für die Stufen haben wir mit Winkeln befestigt, man kann es sich auch einfach machen. Darauf wurde ebenfalls Parkett montiert.

 


Schritt 6: Treppe

Schritt 6: Treppe


Podest_Selberbauen_Heizungsausschnitt.jpg

Schritt 7
Heizungsausschnitt

Die beweglichen Teile hinten links und rechts neben der Heizung haben wir wie kleine Tische gefertigt. Die Unterkonstruktion bildet oben ein stabiles Rechteck, darunter vier Beine und ganz oben Parkett draufgeschraubt, genau passend in die Lücke und dann Nut und Spund des Parketts verbunden.

 


Schritt 7 Heizungsausschnitt

Schritt 7 Heizungsausschnitt


Schritt 8: Verkleidung

Schritt 8: Verkleidung

Schritt 8
Verkleidung

Wir haben uns Sorgen um die Luftzirkulation unterhalb des Podestes gemacht, aufgrund dessen haben wir in die Verkleidung Löcher hineingebohrt. Die fünf schwarz lackierten Holzplatten werden von Magneten gehalten, die wir in das Podest eingelassen haben. Dadurch lassen sie sich leicht komplett abnehmen, im Falle eines nötigen Schnellzugriffs.


Verkleidung

Verkleidung

Resumee

Das Planen und Bauen lief erstaunlich glatt, bis auf zwei (nachvollziehbare) Beschwerden von unseren Unternachbarn. Dadurch, dass wir hohe Decken haben, verliert der Raum nichts – im Gegenteil. Und es hat den dringend notwendigen Stauraum gebracht, alles, was seit zwei Jahren in der Wohnung herumstand, ist jetzt einfach weg. Mal sehen wie es im Winter mit der Feuchtigkeit aussieht, wir haben in den beiden kritischen Ecken Raumentfeuchter unter das Podest gestellt und dadurch, dass es eigenständig steht, ist auch noch genug Platz zur Wand. Wir hoffen das Beste!


Verlinkt beim Creadienstag


5 Antworten zu “„Manche Menschen brauchen Bühne“ oder auch „Projekt Podest“”

  1. Die Heizung verliert ca. 80 % ihrer Effizienz, da sie keine Strahlungswärme mehr an die Raumwände werfen kann + Schade um die schönen alten Dielen drunter.

    • Hallo erstmal.

      Danke für den Hinweis, das mit der Heizung werden wir im Winter dann sehen, falls es damit ein Problem gibt, gibt es für uns die Möglichkeit das Podest noch weiter nach vorne zu ziehen, da es nicht befestigt ist. Die schönen alten Dielen sind übrigens noch da, wir haben sie nicht für den Bau entfernt.

      Herzliche Grüße,
      Ann-Sophie

  2. Ich würde noch die Nut an der Stirnseite der vordersten Bretter absägen und eine Fase anfräsen. Ich habe das an meinem eingezogenen Hochbett nicht gemacht und da sammelt sich doch mit der Zeit ganz schön viel Dreck. Ausserdem sieht es dann noch intentionaler aus + Wenn dann sich doch mal ein Gast zu weit am Rand abstützt oder ein Kind dranhängt könnte durch den Überhang das letzte Brett sich verbiegen, lösen oder brechen. Also max. 2 cm absägen, sonst wirkt das letzte Brett zu schmal. Auch lohnt es sich die Traghölzer zumindest da wo man sie sieht von der Tür aus noch fein zu schleifen und dann zu ölen/lackieren. Auf dem gröberen unbehandelten Holz sammelt sich mit der Zeit eine feine Staubschicht und dann kann mans feucht wischen. Eine Seitenleiste am Wandanschluss umlaufend ist echt hilfreich wenn man oben saugt, sonst könnt ihr streichen wenn ihr auszieht, und durch das funktionalere sieht es auch durchdachter aus. Aber das sei Geschmackssache. Bitte entschuldige dass ich in meinem vorherigen Kommentar gleich mit der Kritik ankam, das schickt sich wirklich nicht.
    Ansonsten ist es sehr schön gebaut. Hoffentlich habt ihr lange Freude dran.

    lg

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